29. Das Integritäts-Paradox

Seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler, Regulierungsbehörden und Unternehmer daran, einen funktionierenden Markt für projektbezogene Emissionszertifikate aufzubauen. Angesichts der Komplexität dieser Aufgabe – insbesondere in schwierigen Regionen – sind Mängel unvermeidlich. Die Methoden haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, ebenso wie die ihnen zugrunde liegende Wissenschaft. Unvollkommenheit ist keine Ausnahme, sondern liegt in der Natur eines wachsenden und sich anpassenden Systems.

Dennoch war der lauteste Vorwurf, der gegen Emissionszertifikate erhoben wurde, ein angeblicher „Mangel an Integrität“. Als Reaktion darauf haben sich viele Marktteilnehmer beeilt, sich öffentlich zu entschuldigen und ihr unerschütterliches Bekenntnis zur Integrität für die Zukunft zu bekräftigen.

Aber halten wir einmal inne. Ist es wirklich plausibel, dass die Mehrheit der Marktakteure fast dreißig Jahre lang mit geringer Integrität gehandelt hat – und erst jetzt, nach heftiger Kritik von außen, ein kollektives moralisches Erwachen erlebt? Das erscheint unwahrscheinlich.

Plausibler ist folgende Erklärung: Kritiker, die marktbasierten Klimalösungen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, haben das Argument der Integrität als strategische Waffe aufgegriffen – nicht mit dem Ziel, das System zu verbessern, sondern um es insgesamt zu untergraben. Ihr Ziel sind nicht bessere Emissionszertifikate, sondern gar keine Emissionszertifikate.

Natürlich muss Integrität der Grundpfeiler jedes glaubwürdigen CO₂-Marktes sein. Doch hier liegt das Paradoxon: Je lauter und entschuldigender die Marktteilnehmer ihre Integrität betonen, desto stärker geraten sie ins Visier der Kritik. Jeder Fehler wird zu einem „Aha“-Moment. „Du hast Integrität versprochen, und ich habe eine weitere Unvollkommenheit entdeckt!“

Ein nachhaltiger Weg in die Zukunft setzt voraus, dass man anerkennt, dass Komplexität nicht gleichbedeutend mit Unehrlichkeit ist. Er erfordert, dass man die Rolle der Marktmechanismen bei der Bewältigung der Klimakrise verteidigt – ohne angesichts der als Waffe eingesetzten Kritik zurückzuweichen.