9. Das Perfektions-Paradox

Hier ist ein Paradoxon, das so bekannt ist, dass es schon zum Klischee geworden ist: Das Perfekte ist der Feind des Guten.

Nur wenige unserer Entscheidungen beruhen auf Gewissheit. Sie basieren alle auf Wahrscheinlichkeiten, die sich aus unvollständigen Informationen ergeben: Soll ich meinen Job kündigen, um meinen Traum vom eigenen Unternehmen zu verwirklichen? Wird sich der Tropensturm zu einem Hurrikan entwickeln und sollte ich mein Haus verlassen? Wird dieses Medikament meine Krankheit heilen oder sind die Nebenwirkungen noch schlimmer? 

Je höher der Einsatz und je größer die Unsicherheiten, desto schwieriger die Fragen – und desto höher die Risiken.

Aufgrund dieser Risiko-Rendite-Verhältnisse investieren Anleger täglich Milliarden von Dollar in umweltschädliche Wirtschaftszweige wie Holzeinschlag, Bergbau oder Ölförderung. Niemand erwartet Perfektion. Wer bereit ist, Risiken einzugehen, wird dafür belohnt.

Paradoxerweise scheint jedoch das Prinzip, für das Eingehen von Risiken belohnt zu werden, nicht zu gelten, wenn es darum geht, „Gutes zu tun“, wie etwa bei Investitionen in den Klimaschutz. Wie bei allen anderen Investitionen weisen auch CO₂-Projekte Mängel und Unzulänglichkeiten auf. Manche laufen gut, andere weniger gut. Und manche scheitern. 

Oft werden Misserfolge jedoch nicht als Chance zum Lernen gesehen, sondern als Beweis dafür, dass das System der Emissionszertifikate grundlegend fehlerhaft ist. 

Kurz gesagt: Bei Projekten, die den Planeten zerstören, werden Unvollkommenheiten voll und ganz akzeptiert. Wenn es jedoch um Projekte zur Reduzierung von CO₂-Emissionen geht, scheint Perfektion erwartet zu werden.

Diese Doppelmoral macht Projekte im Bereich der Emissionszertifikate unverhältnismäßig anfällig und damit paradoxerweise zu einer besonders riskanten Investition. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Perfektions-Paradox gemacht?