13. Das Vermeidungs-Paradox

Es gibt zwei Hauptansätze, um gegen Treibhausgase vorzugehen. Der eine besteht darin, sie aus der Atmosphäre zu entfernen – beispielsweise durch das Pflanzen neuer Bäume –, und der andere darin, von vornherein zu verhindern, dass sie dort überhaupt erst entstehen – beispielsweise durch den Ersatz von Kohlekraftwerken durch Windparks oder durch den Schutz bedrohter Wälder. 

Um den Klimawandel zu bekämpfen, brauchen wir natürlich beides: die Beseitigung UND die Vermeidung von CO2.

Es ist jedoch wohl effizienter, Emissionen von vornherein zu vermeiden, als sie später zu beseitigen. Man denke nur an eine Plastikflasche: Es ist viel einfacher – und sinnvoller –, sie sofort zu recyceln, als sie später aus dem Meer zu fischen. Besser noch: Verzichte ganz auf die Flasche. 

Im Jahr 2019 kam eine Analyse in der Fachzeitschrift „Nature“ zu dem Schluss, dass durch die Abholzung eines Hektars 355 Tonnen Kohlendioxid in die Luft gelangen, während die Wiederaufforstung derselben Fläche lediglich 6,7 Tonnen pro Jahr bindet. Das bedeutet, dass wir für jeden Hektar Wald, den wir in einem Jahr verlieren, 50 Hektar wiederaufforsten müssen (oder 50 Jahre warten müssen, bis sich dieser Hektar erholt hat).

Doch hier liegt das Paradoxon: Obwohl die Vermeidung effizienter ist, zieht die Öffentlichkeit zunehmend die CO₂-Entfernung der Vermeidung vor. Ein CO₂-Zertifikat für die „Entfernung“ kostet leicht das Zehnfache eines Zertifikats für die „Vermeidung“. 

Warum ist das so? Eine Erklärung dafür ist, dass das Pflanzen von Bäumen oder die Bindung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre greifbarer, sichtbarer und „realer“ ist als die Vermeidung von Emissionen. Sich etwas als Verdienst anzurechnen, das „geschehen wäre, wenn ich es nicht verhindert hätte“, erscheint abstrakter und schwerer nachzuweisen. Dies erinnert an das alte Sprichwort „Vorbeugung bringt keinen Ruhm“ und könnte lediglich eine Ausprägung eines umfassenderen „Sichtbarkeits-Paradoxes“ sein.

Paradoxerweise bedeutet dies, dass ein Wald erst abgeholzt werden muss, damit die Menschen glauben, dass die Gefahr der Entwaldung real war.

Wie lässt sich das Vermeidungs-Paradox lösen?