26. Das Gewinn-Paradox

Von Smartphones über Elektrofahrzeuge bis hin zu neuen Social-Media-Plattformen – Erfolg wird an der Rentabilität gemessen. Sobald ein Produkt oder eine Dienstleistung wirtschaftlich tragfähig ist, lässt sie sich skalieren. Auf jeder Nachhaltigkeitskonferenz hört man dasselbe Mantra, das wie ein heiliger Vers vorgetragen wird: Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich sinnvoll sein, sonst lässt sie sich nicht skalieren. Ebenso feiert die Gesellschaft mutige Investoren, die Risiken bei Start-ups in der Frühphase und bei neuen Technologien eingehen und erhebliche Gewinne einstreichen, wenn sich ihre Wetten auszahlen.

Kohlenstoffzertifikate scheinen anderen Regeln zu folgen. Gewinne in diesem Bereich zu erzielen, stößt oft auf Skepsis – wenn nicht gar auf offene Kritik. Von Kohlenstoffzertifikaten wird erwartet, dass sie „Gutes bewirken“ – also dazu beitragen, den Klimawandel einzudämmen und lokale Gemeinschaften zu unterstützen. Sobald ein Projekt jedoch wirtschaftlich rentabel und risikominimiert ist, sehen sich Investoren möglicherweise dem Vorwurf der „Gewinnmaximierung“ ausgesetzt.

Dies führt zu einem Paradoxon: Strauchelnde, unrentable Projekte, die auf Spenden angewiesen sind, gelten als „gut“, während erfolgreiche, skalierbare Geschäftsmodelle als „schwarze Schafe“ abgetan werden. 

Diese bizarre Denkweise schreckt Investoren ab und hemmt die Risikobereitschaft, was letztlich dazu führt, dass der Markt für Emissionszertifikate ein Flickenteppich aus fragmentierten, steuerfinanzierten Pilotprojekten bleibt – der sich auf ewig aus dem guten Willen von Regierungen und Philanthropen durchschlagen muss. Unterdessen müssen die Unternehmer und Risikoträger, die den nötigen Kapitalschub liefern und echte Lösungen in großem Maßstab umsetzen könnten, in einer Branche auf Zehenspitzen gehen, die sich offenbar nicht sicher ist, ob sie tatsächlich Erfolg haben will oder sich lediglich im Glanz moralischer Überlegenheit sonnen möchte.