20. Das Natur-Paradox

Hier beschäftigen wir uns mit dem Natur-Paradox, einem Rätsel, das in Baumrinde gehüllt ist und seine Wurzeln im Boden der Mitte der 1970er Jahre hat, als Wissenschaftler erstmals die Frage stellten, ob wir Bäume nutzen könnten, um den Klimawandel zu verlangsamen.

Das Prinzip klingt einfach. Bäume wachsen, und dabei nehmen sie Kohlendioxid auf, geben Sauerstoff ab und speichern Kohlenstoff. Wenn man neue Bäume pflanzt, wird Kohlendioxid im Baum und im Boden gebunden. 

Aber Bäume wachsen nicht ewig. Irgendwann sind Wälder ausgewachsen und nehmen keinen Kohlenstoff mehr auf.

Kohlenstoffgutschriften für Aufforstung und Wiederaufforstung werden nur vergeben, solange die Bäume wachsen und aktiv mehr Kohlenstoff binden, als sie ausstoßen. Für die anschließende Speicherung des Kohlenstoffs erhält man keine Gutschriften. 

Sobald ein Wald ausgewachsen ist, versiegen die Finanzmittel aus dem CO₂-Handel für die weitere Bewirtschaftung – es sei denn, man kann nachweisen, dass der Wald von der Abholzung bedroht ist. In solchen Fällen könnte man CO₂-Zertifikate für die „Vermeidung von Entwaldung“ beanspruchen.

Dies führt zu einem beunruhigenden Paradoxon: Um sich eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung durch Emissionszertifikate zu sichern, muss ein ausgewachsener Wald von Abholzung bedroht sein. Das Ziel der Waldsanierung besteht jedoch gerade darin, genau dieses Risiko zu beseitigen!

Wie lösen wir dieses Paradoxon? Sollten Emissionszertifikate überhaupt das Instrument sein, auf das wir uns beim Naturschutz und bei der Renaturierung verlassen? Oder ist es an der Zeit, unseren Ansatz zu überdenken? Könnte ein neuer Mechanismus – vielleicht ein „Naturschutzzertifikat“ – besser auf die Realität der Beständigkeit der Natur abgestimmt sein und den fortlaufenden Schutz von Ökosystemen unabhängig vom Kohlenstofffluss belohnen? Andererseits sind Emissionszertifikate bislang das einzige Instrument der Klimafinanzierung, das jemals eine nennenswerte Größenordnung erreicht hat – wie lässt sich dieses Instrument am besten nutzen, um naturbasierte Lösungen voranzutreiben?